Wie soll Yoga eigentlich geübt werden?
Diese scheinbar einfache Frage gehört zu den grundlegenden Fragen des Yoga.
In meiner eigenen Ausbildung bei dem indischen Yogalehrer und Wissenschaftler
Dr. M. L. Gharote wurde für mich dafür ein kurzer Satz aus dem Yoga Sutra des Patanjali
zu einem zentralen Leitsatz:
Sthira sukham āsanam.
Die Haltung soll von Stabilität und Leichtigkeit geprägt sein.
Dieser Gedanke hat auch die Entwicklung des Tripada® Yoga wesentlich geprägt.
Denn er verändert die Perspektive auf das Üben: Nicht die äußerlich möglichst perfekte
Yogahaltung steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie ein konkreter Mensch
eine Übung sinnvoll ausführen kann.
Genauer gesagt, beantwortet er in wunderbarer Weise universell für jeden Menschen die Frage, wie Yoga geübt werden soll.
Wie soll Yoga geübt werden?
Im Yoga Sutra 2.46 beschreibt Patanjali die Qualität von Asana mit den Begriffen
sthira und sukha.
Sthira verweist auf Stabilität, Festigkeit und Beständigkeit.
Sukha wird häufig mit angenehm, leicht oder mühelos übersetzt.
Beides gehört zusammen. Eine Haltung soll weder instabil und unkontrolliert sein
noch durch unnötige Anstrengung, Verkrampfung oder das Erzwingen einer äußeren Form
gekennzeichnet sein.
Die interessante Frage lautet deshalb nicht nur:
„Wie sieht die richtige Yogahaltung aus?“
Sondern vielmehr:
„Wie kann dieser Mensch diese Übung so ausführen, dass Stabilität und
Leichtigkeit entstehen können?“
Die Übung muss zum Menschen passen
Aus diesem Verständnis ist ein zentraler Grundsatz des Tripada® Yoga entstanden:
Die Übung muss zum Menschen passen – und dem Menschen muss die Übung passen.
Menschen unterscheiden sich. Körperbau, Beweglichkeit, Kraft, Alter, Erfahrung,
Gesundheitszustand und persönliche Wahrnehmung sind nicht bei allen gleich.
Deshalb kann auch die angemessene Form einer Yogaübung nicht für jeden Menschen
identisch sein.
Eine Person kann eine Haltung vielleicht problemlos in der klassischen Form ausführen.
Für eine andere ist eine veränderte Ausgangsstellung sinnvoll. Eine dritte benötigt ein
Hilfsmittel oder eine weniger intensive Variante.
Das bedeutet nicht, dass die Übung dadurch „schlechter“ wird. Entscheidend ist,
ob ihre wesentliche Funktion erhalten bleibt und sie für den jeweiligen Menschen
angemessen ausgeführt werden kann.
Die äußere Form ist nicht das eigentliche Ziel
Gerade moderne Yogadarstellungen können leicht einen anderen Eindruck vermitteln.
Auf Bildern und in sozialen Medien begegnen uns häufig besonders bewegliche Menschen
in ästhetisch perfekten oder spektakulären Asanas.
Dadurch kann der Eindruck entstehen, Fortschritt im Yoga bedeute vor allem,
eine Haltung immer weiter, tiefer oder anspruchsvoller ausführen zu können.
Aus der Perspektive von sthira sukham greift dieses Verständnis zu kurz.
Eine äußerlich beeindruckende Haltung ist nicht automatisch eine gute Yogapraxis.
Und eine vereinfachte oder angepasste Haltung ist nicht automatisch eine schlechtere.
Entscheidend ist die Qualität des Übens.
Was bedeutet das für guten Yogaunterricht?
Für Yogalehrer:innen hat dieser Gedanke weitreichende Konsequenzen.
Die Aufgabe eines guten Yogalehrers besteht nicht darin, eine Idealhaltung vorzumachen
und anschließend alle Teilnehmer:innen möglichst nah an diese Form heranzuführen.
Vielmehr muss eine Lehrkraft verstehen:
- welches Ziel eine Übung verfolgt,
- welche Voraussetzungen sie verlangt,
- welche Belastungen dabei entstehen,
- welche Varianten möglich sind,
- wann Hilfsmittel sinnvoll sind und
- wann eine andere Übung die bessere Wahl ist.
Das setzt mehr voraus als die Fähigkeit, eine Asana selbst besonders gut demonstrieren
zu können. Es verlangt Beobachtung, methodisches Verständnis und die Fähigkeit,
unterschiedliche Menschen angemessen anzuleiten.
Muss ein guter Yogalehrer besonders beweglich sein?
Aus dieser Perspektive lautet die Antwort klar: Nein.
Natürlich braucht eine Yogalehrkraft eigene Übungserfahrung und ein fundiertes
Verständnis der Praxis. Außergewöhnliche Beweglichkeit ist jedoch kein Qualitätsmerkmal
für guten Unterricht.
Eigene körperliche Einschränkungen können für das Unterrichten sogar eine wertvolle
Erfahrung sein. Wer selbst erlebt hat, dass eine bestimmte Haltung nicht ohne Weiteres
zugänglich ist, kennt die Suche nach Varianten, den Umgang mit Grenzen und die Erfahrung,
dass ein anderer Weg manchmal der bessere ist.
Das kann die Sensibilität für die Situation der Teilnehmer:innen erhöhen.
Statt davon auszugehen, dass alle Menschen eine Übung auf dieselbe Weise ausführen können,
entsteht leichter die Frage:
„Was braucht dieser Mensch, damit die Übung für ihn passt?“
Varianten sind kein Notbehelf
Deshalb sind Varianten im Tripada® Yoga kein Notprogramm für diejenigen,
die eine vermeintlich „richtige“ Haltung noch nicht schaffen.
Sie gehören grundsätzlich zur Methodik.
Hilfsmittel, veränderte Hebel, alternative Ausgangsstellungen und unterschiedliche
Intensitätsstufen ermöglichen es, das Prinzip einer Übung für verschiedene Menschen
zugänglich zu machen.
Damit verändert sich auch die Rolle des Yogalehrers: Er vermittelt nicht nur Formen,
sondern lernt, Übungen zu verstehen und sinnvoll anzupassen.
Sthira sukham und Gesundheitsorientierung
Hier liegt zugleich eine wichtige Verbindung zwischen klassischer Yogaphilosophie
und dem gesundheitsorientierten Ansatz des Tripada® Yoga.
Gesundheitsorientierung ist für uns nicht einfach etwas, das dem traditionellen Yoga
nachträglich hinzugefügt wurde. Der Gedanke, unnötige Spannung zu reduzieren,
angemessene Stabilität zu entwickeln und eine Form des Übens zu finden, die dem Menschen
entspricht, lässt sich unmittelbar mit grundlegenden Gedanken des Yoga verbinden.
Moderne Erkenntnisse aus Anatomie, Gesundheitswissenschaften, Psychologie und Pädagogik
helfen uns dabei, diese Prinzipien für heutige Menschen und einen professionellen
Gruppenunterricht praktisch umzusetzen.
Ein Grundprinzip der Tripada® Methode
Sthira sukham ist deshalb für Tripada® Yoga mehr als ein philosophisches Zitat.
Der Gedanke wirkt bis in die praktische Unterrichtsmethodik hinein: in die Auswahl
der Übungen, die Arbeit mit Varianten, den Einsatz von Hilfsmitteln, die
Belastungssteuerung und die Berücksichtigung unterschiedlicher Zielgruppen.
Und letztlich führt er immer wieder zu derselben einfachen Frage:
Passt diese Übung zu diesem Menschen – und passt sie diesem Menschen?
Wenn wir Yoga so verstehen, verliert die perfekte äußere Form ihre beherrschende
Bedeutung. An ihre Stelle treten Wahrnehmung, Angemessenheit, Stabilität und Leichtigkeit.
Genau darin liegt ein wesentlicher Grundgedanke des Tripada® Yoga.
Tripada® Yoga verstehen und unterrichten
In der Tripada® Yogalehrerausbildung lernen angehende Yogalehrer:innen nicht nur
Asanas und Übungsfolgen. Sie lernen, Übungen zu verstehen, zu variieren und an
unterschiedliche Menschen und Zielgruppen anzupassen.
Yogapraxis und Yogaphilosophie werden dabei mit Gesundheitswissenschaften,
Psychologie, Pädagogik und moderner Didaktik verbunden.